Vor Beginn der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie diskutiert die IG Metall eine neue Form tariflicher Differenzierung. Hintergrund sind die großen wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der Branche.
Während viele Automobilhersteller und Zulieferer unter internationalem Wettbewerbsdruck, hohen Investitionskosten und Stellenabbau leiden, profitieren andere Bereiche von einer starken Auftragslage. Dazu zählen unter anderem die Luft- und Raumfahrtindustrie, die Medizintechnik, die Energietechnik sowie Teile des Maschinenbaus und der Rüstungsindustrie.
Nach Vorstellungen von Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW, und Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, könnte künftig neben einem allgemeinen Tarifabschluss ein zusätzlicher Gehaltsaufschlag für Beschäftigte in besonders erfolgreichen Unternehmen vereinbart werden.
Als Grundlage dient das tarifliche Zusatzgeld (T-Geld). Dieses Instrument erlaubt heute bereits eine Abweichung nach unten: Unternehmen mit einer Umsatzrendite von unter 2,3 Prozent können von der Zahlung befreit werden. Nun wird diskutiert, ob künftig auch eine Differenzierung nach oben möglich sein soll, wenn Unternehmen überdurchschnittlich hohe Renditen erzielen.
Konkrete Zahlen sind bislang nicht beschlossen. Denkbar wäre laut den diskutierten Modellen eine Erhöhung des T-Geldes bei Umsatzrenditen oberhalb bestimmter Schwellenwerte.
Für die Beschäftigten könnte das Modell mehrere Vorteile bringen:
- Beschäftigte in wirtschaftlich starken Unternehmen würden unmittelbar stärker am Unternehmenserfolg beteiligt.
- Arbeitsplätze in besonders belasteten Branchen könnten durch einen ausgewogenen Flächentarifabschluss besser abgesichert werden.
- Die Kaufkraft würde gezielter dort gestärkt, wo Unternehmen hohe Gewinne erwirtschaften.
- Die Solidarität innerhalb der Branche bliebe erhalten, weil weiterhin ein gemeinsamer Flächentarifvertrag Grundlage aller Regelungen wäre.
Gleichzeitig bleibt klar: Noch handelt es sich um einen Diskussionsvorschlag. Über konkrete Forderungen wird die IG Metall erst im Vorfeld der Tarifrunde entscheiden.
Die Diskussion zeigt, wie stark sich die Industrie derzeit verändert. Die Transformation der Automobilindustrie, geopolitische Entwicklungen und unterschiedliche Marktbedingungen sorgen dafür, dass Unternehmen derselben Branche teilweise völlig unterschiedliche wirtschaftliche Voraussetzungen haben.
Für die IG Metall und Arbeitgeber wird es dadurch schwieriger, einen Tarifabschluss zu finden, der für rund vier Millionen Beschäftigte gleichermaßen passt. Die jetzt diskutierte Lösung könnte einen gemeinsamen Flächentarifvertrag stärken, weil sie unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen berücksichtigt, ohne die Tarifgemeinschaft aufzugeben.
Aus Sicht der IG Metall muss ein Tarifabschluss zwei Ziele erfüllen:
- Beschäftigung sichern, wo Unternehmen unter Druck stehen.
- Beschäftigte am Erfolg beteiligen, wo Unternehmen gute Gewinne erwirtschaften.
Gleichzeitig weist Knut Giesler Forderungen nach einer Abschaffung der 35-Stunden-Woche deutlich zurück. Längere Arbeitszeiten würden die strukturellen Herausforderungen der Automobilindustrie nicht lösen. Stattdessen fordert er eine aktive Industriepolitik, Investitionen in Zukunftstechnologien und eine Senkung der Energiekosten.
Die Metall- und Elektroindustrie prägt zahlreiche Arbeitsplätze in Duisburg, Dinslaken, dem Kreis Wesel und dem gesamten Ruhrgebiet. Viele Beschäftigte arbeiten in Unternehmen, die direkt oder indirekt von der Entwicklung der Automobilindustrie abhängig sind. Gleichzeitig profitieren andere Betriebe von Investitionen in Energie-, Infrastruktur- oder Sicherheitstechnik.
Gerade für unsere Region stellt sich deshalb die Frage, wie Tarifpolitik Beschäftigung sichert und gleichzeitig faire Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg ermöglicht. Die Diskussion über ein differenziertes T-Geld zeigt, dass die IG Metall nach Lösungen sucht, die den unterschiedlichen Realitäten in den Betrieben gerecht werden.
Die Tarifrunde 2026 wird eine Richtungsentscheidung für die Metall- und Elektroindustrie. Wer faire Einkommen, sichere Arbeitsplätze und starke Tarifverträge will, sollte sich jetzt in die Debatte einbringen. Die IG Metall Duisburg-Dinslaken informiert regelmäßig über die weiteren Entwicklungen und die Beschlussfassung der Tarifbewegung.