INTERVIEW
„WIR KÄMPFEN JETZT“
Betriebsratsvorsitzender Marco Gasse über die skandalöse Entscheidung von TKSE, den Liefervertrag zu kündigen, die Stimmung im Betrieb, den Sinn eines Sozialtarifvertrags und die nächsten Schritte von Betriebsrat, IG Metall und Belegschaft.
Marco, wie wichtig ist der Liefervertrag mit TKSE für Euch?
Überlebenswichtig. Wir liefern jährlich mehr als zwei Millionen Tonnen Stahl an TKSE und produzieren selbst in der gleichen Zeit gut vier Millionen Tonnen Rohstahl. Der Vertrag macht also rund 60 Prozent des Liefervolumens aus. Das macht die Dimension deutlich. Die Entscheidung von TSKE, den Vertrag zu kündigen, ist ein Skandal.
Wie reagieren die Kolleginnen und Kollegen?
Viele sind schockiert und zurecht auf 180. Die Existenzangst steigt weiter. Viele können gar nicht verstehen, was hier eigentlich passiert: Berater haben uns schon vor langer Zeit durch ein Gutachten bestätigt: Wir können am Markt bestehen. Eine Schließung wäre also Schwachsinn. Dennoch hat TKSE diese Entscheidung getroffen. Eines haben die Verantwortlichen aber nicht bedacht: Eine Schließung wird teuer, sehr teuer. Die Schließungskosten würden alle Gesellschafter treffen. Damit stünden auch dort Arbeitsplätze und die Transformation auf dem Spiel. Das ergibt keinen Sinn. Für die Region wäre eine Schließung der Hütte eine Katastrophe. Ich sehe hier auch die Politik in der Pflicht. Die Anteilseigner verfolgen ihre eigenen Interessen, aber wer vertritt die Interessen der Region? Milliarden an Fördergeldern sind geflossen. Wo bleibt die soziale Verantwortung?
Wäre ein Verkauf oder eine Fortführung noch eine Option?
Ja. Beides ist möglich. Und an beiden Optionen arbeiten wir auch intensiv weiter. Wenn sich ein Investor oder Käufer findet, okay. Dann werden wir den Verkauf fair gestalten und entsprechende Vereinbarungen treffen. Das Gleiche gilt selbstverständlich, sollte sich Salzgitter für eine Fortführung unserer Hütte entscheiden.
Die Kündigung des Liefervertrags kommt aus den eigenen Konzernreihen. Siehst Du hierin den Versuch des Managements, die Belegschaften verschiedener Standorte gegeneinander auszuspielen?
Absolut. Für die sind wir nur eine Manövriermasse. Zumal TKSE als größter Anteilseigner auch mit Salzgitter, dem anderen großen Anteilseigner, alle Optionen für HKM durchspielen müsste. Aber bislang hören wir von beiden Seiten nur, dass sie nicht miteinander sprechen. Stattdessen sitzen wir jetzt sozusagen in Geiselhaft. Aber wir lassen uns nicht entzweien. Unsere Solidarität ist ungebrochen.
Was muss jetzt passieren?
Wir kämpfen jetzt für einen Sozialtarifvertrag, damit die Beschäftigten so viel Sicherheit wie nur irgend möglich erhalten. Für den Fall, dass die Salzgitter AG sich für eine Fortführung der Hütte entscheiden sollte, stehen wir wie bei einem Verkauf der HKM auch für Gespräche über eine Zukunfts- und Transformationsvereinbarung zur Verfügung. Jetzt ist auch die Belegschaft gefordert. Wir werden zeigen, dass wir zusammenstehen. Bei der Protestveranstaltung vor der Zentrale von Thyssenkrupp Steel Europe haben wir das schon eindrucksvoll bewiesen. Langsam wird allen hier bewusst, wie ernst die Lage ist. Eines ist nämlich sicher: Wir können nicht warten, wir müssen jetzt handeln.
Was sind die nächsten Schritte?
Schon nach Ostern werden wir als Betriebsrat Sprechstunden anbieten. Die Kolleginnen und Kollegen haben ein Recht, den Betriebsrat aufzusuchen und Fragen zu stellen. Das gilt übrigens auch während der Arbeitszeit. So steht es im Betriebsverfassungsgesetz. Und Fragen gibt es momentan viele, sehr viele sogar. Wenn darunter die Produktion leiden sollte, dann ist das halt so.